Wie Nadja Seßler aus einer Elternzeit heraus einen Secondhand-Laden und ein regionales Familiennetzwerk aufgebaut hat
Zwei Kinder, Hauptjob in der Arbeitssicherheit – und trotzdem nebenberuflich selbständig als Gründerin eines Secondhand-Ladens und eines regionalen Familiennetzwerks. Nadja Seßler aus Immendingen zeigt, was möglich ist, wenn man einfach anfängt. Holger Hagenlocher hat mit ihr für den Podcast Founder Talks gesprochen.
Es war kein großer Businessplan, der am Anfang stand. Es war eine Elternzeit, die sich anders entwickelte als gedacht. Als Nadja Seßler nach der Geburt ihres zweiten Kindes früher in den Job zurückwollte und das beim damaligen Arbeitgeber nicht klappte, brauchte sie eine andere Lösung. Was folgte, war kein Kompromiss – sondern der Beginn von etwas, das sie bis heute nicht loslässt. Vier Monate zwischen erster Idee und Ladeneröffnung. Vier Jahre später ist sie Inhaberin von Nanni’s zweite Reise für Kinderartikel und Gründerin des regionalen Familiennetzwerks RundumFamilie Hegau-Schwarzwald.
Ein Name mit Geschichte
Der Name des Ladens ist kein Zufall und kein Marketingprodukt – er ist persönlich. »Nanni« war der Kosename, den ihre Oma ihr früher gegeben hat. Als die Ladenidee Form annahm, brauchte sie einen Namen, der passt. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin sammelte sie Vorschläge, baute daraus eine Online-Umfrage – auch für Menschen, die weder sie noch ihr Konzept kannten – und ließ abstimmen. Nanni’s zweite Reise für Kinderartikel gewann mit großem Abstand. »Seitdem heißt mein Laden so.«

Secondhand, der mitwächst
Was Familien bei ihr finden: eigentlich alles rund ums Kind. Standardausstattung wie T-Shirts, Hosen oder Beistellbetten – aber auch Besonderheiten, bei denen selbst sie manchmal schmunzelt. »Es gibt nichts, was es nicht gibt.« Genau das macht für sie den Reiz von Secondhand aus: kein starres Sortiment, sondern ein Angebot, das sich ständig verändert und überrascht.
Der wirtschaftliche Argument liegt auf der Hand: Kinder wachsen schnell, Kinderartikel sind teuer. Wer beim Secondhand-Kauf auf etwas setzt, das sich dann doch nicht bewährt, hat deutlich weniger Lehrgeld bezahlt als beim Neukauf. Dazu kommt der Nachhaltigkeitsgedanke – nicht als Hauptmotiv, aber als willkommener Nebeneffekt, den viele Kundinnen ausdrücklich schätzen.
»In meinem Laden bin ich in einer anderen Welt. Da bin ich für mich, da bin ich selbstbestimmt.«
Nadja Seßler
Ladengeschäft, WhatsApp-Katalog und Auslieferung – ein durchdachtes Mehrkanalmodell
Der Laden in der Schreckensteinstraße 22 in Immendingen ist freitags und samstags geöffnet.
Den Rest der Woche ist Nadja Seßler digital präsent: über Instagram, einen WhatsApp-Katalog und einen Blog.
Für sie ist das digitale Angebot ihr »Schaufenster für alle, die nicht zufällig vorbeikommen« – und das ist in Immendingen, abseits der Innenstadt, keine Kleinigkeit.
Bestellt wird per Katalog, abgeholt wird nach Terminvereinbarung – oder geliefert. Wege, die sie ohnehin zurücklegt, nutzt sie konsequent für Auslieferungen.
Kein aufwändiger Versandapparat, sondern ein pragmatisches, ressourcenschonendes Modell, das zur Größe ihres Betriebs passt. Der Großteil ihrer Kundschaft kommt aus der Region – aber vereinzelt finden auch weiter entfernte Kundinnen über Social Media den Weg zu ihr.

Nebenberuflich – aber was bedeutet das wirklich?
Auf dem Papier ist der Laden ihr Nebenjob, der Angestelltenberuf in der Arbeitssicherheit ihr Hauptjob. In der Realität sieht Nadja Seßler das differenzierter: »Wenn man die Zeit bewerten würde, wäre es eigentlich eher umgekehrt.« Beides braucht sie, beides trägt sie – und beides befruchtet sich gegenseitig. Wissen aus der Selbständigkeit fließt in den Beruf, berufliche Kompetenzen helfen im Laden.
Was sie dabei am meisten unterschätzt hat: den Spagat zwischen der Persönlichkeit »Nadja« und der Unternehmerin »Nadja«. Wer mit Leidenschaft gründet, macht sich angreifbar. Kritik am Laden fühlt sich schnell wie Kritik an der eigenen Person an. »Da den Spagat zu finden – das ist eine Herausforderung, an die ich immer wieder komme. Aber ich habe dafür in den letzten Jahren ein gutes Bauchgefühl entwickelt.«
RundumFamilie Hegau-Schwarzwald – ein Netzwerk entsteht in der Kur

Als ihr Laden an die Grenzen seiner eigenen Sichtbarkeit stieß, begann Nadja Seßler nachzudenken.
Während eines Aufenthalts in einer Mutter-Kind-Kur – Pause vom Alltag, etwas Abstand – keimte eine Idee, die weit über ihren Laden hinausging.
Sie wollte das, was sie einmal in einem großen Unternehmernetzwerk erlebt hatte – kein Ellenbogendenken, kein Neid, sondern echtes Miteinander – auf eine kleinere, familiäre Ebene übertragen.
Das Ergebnis: RundumFamilie Hegau-Schwarzwald.
Heute gehören dem Netzwerk rund 20 Personen an, deren Angebote die gesamte Familienbiografie abdecken:
von der Kinderwunsch-Coach über Hebammen, Stillberaterinnen, Beckenbodenspezialistinnen und Fotografinnen bis hin zu Yoga für Kinder, musikalischer Früherziehung, Erste-Hilfe-Kursen und familiengerechten Camping-Angeboten an einem See bei Bräunlingen.
Die Region erstreckt sich von Tuttlingen über Immendingen, Engen, Gottmadingen und Bad Dürrheim bis nach Rottweil und Villingen-Schwenningen.
»Ich habe durch euer Netzwerk Dinge gefunden, die ich vorher nicht einmal annähernd auf dem Schirm hatte.«
Rückmeldung einer jungen Mutter an das Netzwerk Rundum Familie Hegau-Schwarzwald
Was das Netzwerk für Familien leistet
Der Nutzen ist konkret: Familien finden über eine zentrale Stelle Angebote, die sie alleine nie gefunden hätten – weil viele der Anbieterinnen und Anbieter selbst kaum Social-Media-Präsenz haben. Das Netzwerk macht sie sichtbar, durch persönliche Empfehlungen, ein gemeinsames Instagram-Profil und einen monatlichen Newsletter, in dem jedes Mitglied seine Highlights vorstellt.
Was das Netzwerk von einer bloßen Linkliste unterscheidet: die Tiefe der gegenseitigen Kenntnis. »Ich kann jemanden nur wirklich empfehlen, wenn ich ihn tatsächlich kenne und mich mit ihm auseinandergesetzt habe.« Das bedeutet auch, dass man voneinander lernt – und immer wieder Neues übereinander erfährt, selbst bei Mitgliedern, die man schon lange kennt.
Wer passt – und wer nicht
Ein klares Ausschlusskriterium gibt es: Direktvertrieb. Nicht weil das Netzwerk gegen diese Arbeitsform wäre – sondern weil es bewusst jenen Selbständigen einen Raum geben will, die kein Unternehmen im Hintergrund haben, das ihnen Werbematerial und Strukturen liefert. »Wir wollen auf die Selbstständigen gehen, die das wirklich selbst aufbauen möchten.« Ansonsten ist das Netzwerk offen – für Frauen und ausdrücklich auch für Männer, für Etablierte und für alle, die mit ihrer Idee noch in den Kinderschuhen stecken, aber aktiv dabei sein wollen.
Was vier Jahre Selbstständigkeit lehren
Was hat sie gelernt? Drei Dinge macht sie besonders stolz: den Mut, aus der Komfortzone herauszukommen und aktiv auf andere zuzugehen. Den erfolgreichen Umzug des Ladens von Geisingen nach Immendingen – und dass die Kundschaft mitgekommen ist. Und das Netz aus Familie und Freunden, das sie trägt. »Meine Mama ist ganz viel da und kümmert sich um die Kinder. Mein Mann arbeitet im Hintergrund mit. Das macht mich immer wieder dankbar – und das sagt man vielleicht tatsächlich zu selten.«
Ihr Rat an alle, die mit einer Idee liebäugeln, aber zögern: nicht im stillen Kämmerchen bleiben. Unterstützung annehmen. Kooperieren. Und das Bauchgefühl ernst nehmen – »es hat immer recht«.
Kontakt & Links
- Laden: Schreckensteinstraße 22, 78194 Immendingen · Freitag & Samstag geöffnet
- Instagram Laden: @nannis_2.reisekindersecondhand
- WhatsApp-Katalog & alle Links: bio.site/nannis_2.Reise
- Netzwerk Instagram: @rundumfamiliehegauschwarzwald
- Netzwerk Links: bio.site/RundumFamilieHegauSchwarzwald
Wer Mitglied im Netzwerk werden möchte, schreibt Nadja Seßler einfach eine kurze Direktnachricht über Instagram oder WhatsApp – mit einer kurzen Vorstellung und einem Satz dazu, was man anbietet.
Das vollständige Interview mit Nadja Seßler ist als Episode des Podcasts Founder Talks verfügbar unter founder-talks.de. Moderation: Holger Hagenlocher.