Holger Hagenlocher berichtet vom Käpsele Innovation Festival 2026 in Freiburg: über KI-Milliardendeal, autonome Dorfläden, schöpferische Zerstörung – und die Frage, ob Südbaden mehr ist als eine gut gelaunte Blase
2.000 Gäste, ausverkaufte SICK-Arena, ein SAP-Milliardendeal und junge Gründerinnen und Gründer, die dem Ladensterben auf dem Dorf den Kampf ansagen: Das Käpsele Innovation Festival 2026 in Freiburg hatte viel zu bieten. Founder Talks-Moderator Holger Hagenlocher war vor Ort – mit Mikrofon, kritischem Blick und einem roten Faden, der sich durch den ganzen Tag zog: Die wahre Stärke ist die Fähigkeit zu handeln.

Am 16. Juli 2026 füllte sich die SICK-Arena auf der Messe Freiburg mit rund 2.000 Gästen aus Wissenschaft, Industrie, Finanzwelt und Verbänden – ausverkauft, wohlgemerkt. Zum Vergleich: Bei der Premiere 2023 waren es noch rund 700 Besucherinnen und Besucher, im vergangenen Jahr rund 1.200. Das Käpsele Innovation Festival wächst – und mit ihm seine Bedeutung für die Start-up- und Innovationsszene Südbadens.
Organisiert von der Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH (FWTM) und der IHK Südlicher Oberrhein, präsentiert von der Haufe Group und getragen von rund 40 Sponsoren sowie über 120 Partnern, bot der Tag zehn Stunden Programm, fünf Bühnen und rund 30 Erlebnisstationen. Das Motto: »Zukunft braucht Zündstoff.« Zündstoff für die Zukunft gab es reichlich.
Die Keynote, die den Tag rahmte: Handeln aus der Unsicherheit heraus
Den stärksten inhaltlichen Impuls setzte gleich zu Beginn Raphael Gielgen, Trendscout für die Zukunft der Arbeit beim Möbelhersteller Vitra. Seine Eröffnungskeynote war keine Sammlung beruhigender Prognosen, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme – unterfüttert mit dem »Convergence Outlook 2026« der Future Today Strategy Group rund um Zukunftsforscherin Amy Webb.
Gielgens Kernthese: Wir befinden uns in der »Era of Convergence« – einer Ära, in der KI, Geopolitik, Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Wandel nicht mehr isoliert wirken, sondern aufeinanderprallen und sich gegenseitig verstärken. Eine Zahl blieb besonders hängen: 84 Fähigkeiten werde die Arbeitswelt von morgen brauchen – rund 28 davon existieren heute noch gar nicht. Reine Effizienz-Skills verlieren an Wert. Neue Rollen entstehen an den Schnittstellen.
Und dann der Satz, der als roter Faden durch den gesamten Tag führte: »Die Fähigkeit zu handeln kommt nicht von Sicherheit, sondern von Unsicherheit.« Gielgen bezog sich dabei auf »The Geek Way« des MIT-Forschers Andrew McAfee und dessen vier kulturelle Normen moderner Organisationen: Science (Entscheidungen nach Daten, nicht nach Hierarchie), Ownership (kleine, autonome Teams mit echter Verantwortung), Speed (schneller lernen, nicht schneller rennen) und Openness (radikale Transparenz als Grundlage kollektiven Handelns).
»Die Fähigkeit zu handeln kommt nicht von Sicherheit, sondern von Unsicherheit.«
Gespräch mit Ulrich Schwellinger: Mut tut gut – aber er muss auch umgesetzt werden

Holger Hagenlocher traf beim Festival Ulrich Schwellinger – zum zweiten Mal. Schwellinger ist Interim-Manager, Macher aus der Praxis und Leiter des Steinbeis-Beratungszentrums Transformation in Bräunlingen. Sein Thema: Wie schaffen es etablierte Unternehmen, echten Wandel nicht nur zu diskutieren, sondern tatsächlich umzusetzen?
Schwellingers Antwort ist so klar wie bodenständig: Zuerst die Vergangenheit wertschätzen – das Know-how, die Menschen, das, was bisher geleistet wurde. Dann den Blick öffnen für das, was kommt. Und schließlich den Mut aufbringen, wirklich anzupacken – notfalls mit externer Unterstützung. »Mut tut gut«, sagt er. Aber Mut allein reiche nicht: »Die Frage ist: Welches Risiko ist größer – nichts Neues anzupacken oder Neues anzupacken?«
Sein Angebot: ein Transformationstest, der Stärken und Potenziale analysiert und den Startpunkt für echten Wandel definiert – im Bestandsgeschäft genauso wie bei neuen Geschäftsmodellen. Konkrete Kontaktdaten finden sich in den Shownotes der Podcast-Episode.
Das Transformationspanel: Appelle statt Antworten
Das hochkarätig besetzte Transformationspanel mit dem früheren Siemens-Chef Joe Kaeser, Haufe-Group-Chefin Birte Hackenjos und Digitalexpertin Aya Jaff diskutierte die Voraussetzungen für unternehmerisches Handeln. Kaeser betonte, Resilienz entstehe durch Verantwortungsbereitschaft und den Mut, Ungewissheit auszuhalten – richtige Worte, keine Frage.
Aber: Wenn Kaeser kundtut, Deutschland habe »die besten Ingenieure der Welt – noch immer!«, klingt das eher nach dem Pfeifen im Walde. Südkorea, Japan, Taiwan und China haben längst aufgeholt. Vieles, was an diesem Tag von den Bühnen zu hören war, blieb Appell. Als Zuhörer hätte man laut rufen wollen: Habt ihr nicht Gielgens Keynote gehört? Handelt.
Die wahre Stärke ist die Fähigkeit zu handeln.
Start-up BW Elevator Pitch: Linq Photonics gewinnt – ARC62 bleibt im Gedächtnis

Beim Landesfinale des Start-up BW Elevator Pitch traten 19 Teams um Preisgelder der L-Bank an. Den Landessieg holte sich das Heidelberger Start-up Linq Photonics – mit einer Technologie zur Lichtsteuerung in Quantencomputern. Ein hochspezialisierter Ansatz mit globaler Relevanz.
Besonders im Gedächtnis blieb jedoch ein anderer Beitrag: ARC62 aus Biberach an der Riß – und das zu Recht.
ARC62: Der autonome Dorfladen – Rein, nehmen, raus

Atash Hauschild, Constantin Daitche und Jahan Marciniak haben ARC62 2024 gegründet – mit einer Idee, die viele aus ihrer Kindheit kennen: dem kleinen Dorfladen um die Ecke. Der stirbt aus. Die Nahversorgung im ländlichen Raum geht verloren. ARC62 will das ändern – mit einem kassenlosen Grab-&-Go-System ohne Personal.
Das Prinzip: Am Eingang hält man eine Karte ans Lesegerät, betritt den Laden, nimmt sich Produkte – und geht wieder raus. Die Abrechnung erfolgt automatisch beim Verlassen. Kameras tracken, welche Person sich wo befindet; Gewichtssensoren in den Regalen erfassen, welches Produkt entnommen wurde. Keine Kasse, kein Personal, kein Ladensterben.
Im Gespräch mit Holger Hagenlocher direkt nach dem Pitch erzählte Constantin Daitche, wie die Idee entstand: aus der Beobachtung, dass Automaten technisch veraltet und wirtschaftlich ineffizient sind – und aus dem Mut dreier junger Männer mit den richtigen Skills, es einfach besser zu machen. Atash Hauschild ergänzte: »Die Leute wollen eine Lösung. Sie sind offener, als man denkt – auch ältere Menschen sind neugierig und wollen das System entdecken.«
Aktuell läuft ein erster Pilot mit öffentlichen Tests, eine Installation in der Kreissparkasse Biberach wurde bereits realisiert. Der nächste Schritt: Partner und Betreiber finden, um das System zu skalieren – im Dorf, in der Stadt, an Ladeparks und Autobahntankstellen. Ob das System im echten Ladenalltag technisch zuverlässig und wirtschaftlich tragfähig ist, muss sich noch zeigen. Die Richtung aber hat eindeutig etwas für sich: echten Impact dort schaffen, wo er gebraucht wird.
»Wir haben die Skills und eine Vision. Warum bauen wir nicht einfach ein System, das besser ist?«
Weitere Innovationen: ELASTheal, Senara und KI aus Freiburg
Ebenfalls beim Start-up BW Pitch vertreten war ELASTheal aus Tübingen – ein MedTech-Start-up der Universität Tübingen, das auf einer synthetischen mRNA-basierten Technologie zur Förderung der Elastinsynthese aufbaut. Ziel: die körpereigene Wundheilung verbessern und Narbenbildung deutlich reduzieren. Wundheilung und Kosmetik sind nur zwei der potenziellen Einsatzfelder – das Skalierungspotenzial im internationalen Markt ist erheblich.
Im Erlebnis-Labyrinth der 30 Erlebnisstationen traf Hagenlocher auf Senara, ein 2022 gegründetes Freiburger Biotech-Unternehmen. Geschäftsführerin Svenja Dannewitz erläuterte das Konzept: Milchproduzierende Zellen werden in Bioreaktoren kultiviert und geben in einem kontinuierlichen Hochdurchsatzverfahren echte Milch ab – ohne Tierhaltung, ohne Methanausstoß, ohne Flächenverbrauch. Bis 2030 will Senara auf deutlich größere Produktionskapazitäten skalieren. Das Thema ist zu spannend für ein paar Sätze: Ein ausführliches Interview mit Svenja Dannewitz folgt in Kürze im Founder Talks Podcast.
Den größten Schlagzeilenwert lieferten kurz vor dem Festival zwei Freiburger KI-Schwergewichte: Prior Labs, gegründet von Professor Frank Hutter, wurde von SAP für mehr als eine Milliarde Euro übernommen. Hutter lobte auf der Käpsele-Bühne die Flexibilität der Universität Freiburg, die ihm die Freistellung für die Firmengründung ermöglicht hatte. Black Forest Labs-Gründer Robin Rombach, mit 33 Jahren bereits eine weltweite KI-Größe mit einer Firmenbewertung von mehr als drei Milliarden Dollar, betonte ausdrücklich: Er wolle mit seiner Firma in Südbaden bleiben.
Leuchtturm oder Kirchturm? Eine ehrliche Bilanz
Hagenlochs persönliche Bilanz des Festivals fällt differenziert aus. Die Energie war da, die Innovationsdichte beeindruckend, das Wachstum des Formats bemerkenswert. Und doch: Das Publikum kam überwiegend aus dem Dreieck Basel–Freiburg–Straßburg–Offenburg–Schwarzwald. Aus Stuttgart oder dem übrigen Baden-Württemberg war kaum jemand zugegen. Der Anspruch, ein landesweiter Leuchtturm zu sein, gerät damit ins Wanken.
Weil praktisch jeder Hauptsponsor eine eigene Bühne erhielt, entstand eine Fülle paralleler Panels. Für Besucherinnen und Besucher war es praktisch unmöglich, auch nur annähernd das komplette Angebot wahrzunehmen, zumal Masterclasses das Angebot zusätzlich ergänzten. Für viele stand aber ohnehin das Netzwerken im Vordergrund.
Die Erfolge von Black Forest Labs und Prior Labs dürfen nicht in Selbstgefälligkeit münden. Südbaden allein ist als Innovationsraum zu klein für den globalen Wettbewerb mit den USA und China. Was es bräuchte, wäre mehr Offenheit und Austausch mit anderen Startup-Zentren – in Baden-Württemberg, Deutschland und Europa.
»Handelt! Die wahre Stärke ist die Fähigkeit zu handeln.«
Ausblick: Nächster Termin – 1. Juli 2027
Das nächste Käpsele Innovation Festival ist bereits angesetzt: 1. Juli 2027, erneut in der Messe Freiburg. Ob es dem Format bis dahin gelingt, über die südbadische Blase hinaus auszustrahlen, wird sich zeigen. Das Potenzial ist ohne Zweifel da – die Fähigkeit zur selbstkritischen Weiterentwicklung muss noch wachsen.
Links & Shownotes
- Käpsele Innovation Festival: innovation-festival.de
- Steinbeis-Beratungszentrum Transformation (Ulrich Schwellinger): steinbeis-transformation.de
- Start-up BW Elevator Pitch: startupbw.de
- ARC62: arc62.de
- Senara: senara.bio
Den vollständigen Festivalbericht – inklusive der O-Ton-Gespräche mit Ulrich Schwellinger und dem ARC62-Team – gibt es als Episode des Podcasts Founder Talks unter founder-talks.de sowie auf Spotify, Apple Podcasts, YouTube, Amazon Music und allen anderen Podcast-Plattformen. Moderation: Holger Hagenlocher.
Founder Talks – Podcast und Networking
https://founder-talks.de/
Käpsele Innovation Festival
https://www.innovation-festival.de/
Programm des Käpsele Innovation Festivals 2026
https://www.innovation-festival.de/programm
Gesprächspartner
Steinbeis-Beratungszentrum Transformation – Ulrich Schwellinger
https://steinbeis-transformation.de/
Profil des Steinbeis-Beratungszentrums Transformation
https://www.steinbeis.de/kompetenzen/expertensuche/detail/transformation/
LinkedIn-Profil Ulrich Schwellinger
https://www.linkedin.com/in/ulrich-schwellinger-17902812b/
ARC62 – autonomer Checkout und Grab-and-Go-Systeme
https://arc62.de/
ARC62 bei der Hochschule Biberach
https://www.hochschule-biberach.de/von-der-idee-zum-prototyp-arc62-ausstellung-im-studio-rot
Keynote und weiterführende Inhalte
Raphael Gielgen bei Vitra
https://www.vitra.com/de-de/magazine/details/spaces-as-a-companys-body-language
https://www.vitra.com/de-de/magazine/details/the-individual-desk-is-a-dying-breed
Future Today Strategy Group – Convergence Outlook 2026
https://ftsg.com/company/
Hinweise zur Anwendung des Convergence Outlook 2026
https://ftsg.com/how-to-use-the-convergence-outlook-in-your-next-strategy-session/
„The Geek Way“ von Andrew McAfee
https://www.andrewmcafee.org/the-geek-way
Start-up BW Elevator Pitch
Linq Photonics gewinnt das Landesfinale 2025/2026
https://www.startupbw.de/ueber-the-start-up-laend/news/meldungen/linq-photonics-gewinnt-das-start-up-bw-elevator-pitch-landesfinale-2025-2026
Linq Photonics
https://www.linq-photonics.com/
ELASTheal aus Tübingen
https://fit.uni-tuebingen.de/Project/Details?id=11881
Weitere erwähnte Unternehmen
Senara – Milchzellen aus dem Bioreaktor | Freiburg
https://www.senara.bio/
Prior Labs
https://priorlabs.ai/
Informationen zur geplanten Übernahme von Prior Labs durch SAP
https://news.sap.com/germany/2026/05/sap-plant-prior-labs-zu-uebernehmen-und-europas-fuehrendes-frontier-ki-lab-aufzubauen/
….
Black Forest Labs
https://bfl.ai/