Dawid Schaffranke von Pioneers über Smart Capital, Mut zum Scheitern und warum Europa seine Startups und Gründenden härter herausfordern muss
Europa bildet die kompetentesten Talente der Welt aus – und verliert sie regelmäßig an die USA. Dawid Schaffranke, Unternehmer, Angel Investor und Partner bei Pioneers, will das ändern: mit einem Programm, das Gründerinnen und Gründer zusammenbringt, bevor sie überhaupt ein Unternehmen haben. Im Gespräch mit Holger Hagenlocher bei den Founder Talks erklärt er, warum Talent vor Traktion kommt – und warum eine Prise Arroganz manchmal ein gutes Zeichen ist.

Dawid Schaffranke hat selbst zwei Unternehmen gegründet, eines davon erfolgreich an die Emirates Group verkauft. Heute sitzt er auf der anderen Seite des Tisches: als Investor und Advisor für junge Gründerteams, mit einer Mission, die größer ist als ein einzelnes Startup. »Wir wollen in Europa wieder mehr globale Player aufbauen – wirkliche Category Leader«, sagt er. »Und wir müssen uns nicht vor den USA verstecken, sondern können auf Augenhöhe im Markt agieren.«
Smart Capital statt nur Kapital
Schaffranke beschreibt seine eigene Rolle als Schnittstelle zwischen Investor und Startup-Coach. Sein Leitgedanke: Smart Capital. »Nicht nur Kapital an Gründer zu bringen, sondern Kapital und Know-how, damit sie ihr Unternehmen schneller, erfolgreicher und systematischer aufbauen können.«
Pioneers: Matchmaking, bevor das Unternehmen existiert
Was Pioneers von klassischen Investoren unterscheidet, ist der Zeitpunkt des Einstiegs. Während die meisten Geldgeber erst dann aktiv werden, wenn ein Startup bereits ein Team, ein Produkt und erste Traktion vorweisen kann, setzt Pioneers genau davor an. »Wir schaffen einen Space für die besten Gründerinnen und Gründer in Europa, die einzeln unterwegs sind«, erklärt Schaffranke. In Paris bringt Pioneers diese Menschen physisch zusammen – Matchmaking für Mitgründerinnen und Mitgründer, nicht für Beziehungen, aber mit vergleichbarem Anspruch an Passung.
Haben sich zwei oder mehr Personen gefunden, beginnt eine achtwöchige Aufbauphase. Pioneers geht dabei bewusst nicht operativ ins Unternehmen, sondern liefert Leitplanken, stellt die richtigen Fragen zur strategischen Ausrichtung und öffnet das eigene Netzwerk. Am Ende des Programms steht die Investitionsentscheidung: 100.000 Euro gegen sieben Prozent Unternehmensanteile.
»Wir sind ein klassischer Talentinvestor. Die Leute müssen dieses gewisse Glitzern oder diese Energie in den Augen haben, um wirklich ein Unternehmen erfolgreich aufzubauen.«
Für wen sich das Modell lohnt
Besonders attraktiv ist das Programm für Menschen mit starkem technischem Hintergrund, die noch keinen Zugang zur Venture-Capital-Szene haben. »Sie sind extrem gut in ihrer Domain und haben ein riesiges Potenzial, Ideen umzusetzen. Aber ihnen fehlen die Erfahrung, die Datenpunkte und das Netzwerk mit VCs und anderen Investoren«, sagt Schaffranke. Genau dort will Pioneers ansetzen – mit einem Mentorennetzwerk aus Unternehmerinnen und Unternehmern, die bereits global skaliert haben, und mit konkreter Unterstützung beim Go-to-Market.
Ein zentraler Meilenstein nach dem Investment: der Weg zur ersten Million Jahresumsatz. Ist dieser Punkt erreicht, geht es für die Teams gemeinsam mit Pioneers zum Demo Day in die USA – mit der Chance, vor amerikanischen Investoren zu präsentieren.

320.000 Business Angels – und eine Lücke namens Mut
Europa hat nach Schaffrankes Einschätzung kein Kompetenzproblem. »Wir haben die beste akademische Ausbildung, die du dir vorstellen kannst. Die ist so gut, dass die USA Talente aus Europa abwerben.« Institutionen wie das Max-Planck-Institut, das Fraunhofer-Institut oder das Robert-Koch-Institut belegen das auf globalem Niveau. Was fehlt, ist etwas anderes: die Risikobereitschaft, den eigenen Weg ins Unternehmertum konsequent zu gehen. »In den USA ist es Teil der DNA, auch mal hinzufallen und einfach weiterzumachen. In Europa haben wir eher die Mentalität: Ich experimentiere mal, ich baue mal etwas Schönes – aber nicht diesen expansiven Gedanken.«
Allein in Europa zählt die Branche rund 320.000 Business Angels, die jährlich etwa zehn Milliarden Euro investieren. Das Kapital ist also vorhanden. Was es laut Schaffranke braucht, ist mehr Ambition auf Gründerseite, dieses Kapital auch konsequent für globales Wachstum einzusetzen.
Eine gewisse Arroganz als gutes Zeichen
Wenn Schaffranke Gründerteams bewertet, schaut er auf drei Faktoren: das Team selbst, die bisherige Umsetzung – also Traktion, Umsatz oder Pilotkunden – und das Marktpotenzial. Doch ein viertes, persönlicheres Kriterium beschreibt er besonders offen: »Ich suche bei Gründerinnen und Gründern nach einer gewissen Arroganz. Nach dem Gefühl: Ich möchte dieses globale Unternehmen wirklich aufbauen.«
Gemeint ist keine Überheblichkeit, sondern eine Mischung aus Souveränität und Ambition – der Unterschied zwischen »Ich will in der DACH-Region erfolgreich sein« und »Ich will, dass mein Unternehmen auch in den USA funktioniert«. Schaffrankes Bild dafür: eine Reise zum Neptun planen. Wer dabei am Ende nur den Mond erreicht, hat trotzdem mehr geleistet, als wer sich von vornherein ein kleineres Ziel gesetzt hat.
»Wenn man sagt, man möchte zum Neptun fliegen, und am Ende landet man auf dem Mond, dann ist das okay. Aber diese Ambition zu haben, groß zu denken, reizt mich extrem.«
Das Facebook-Paradox: Vision ist nicht Go-to-Market
Eine der häufigsten Fallen, in die junge Teams tappen, ist laut Schaffranke die Überanalyse: zu lange am Produkt feilen, bevor überhaupt ein echter Kunde damit konfrontiert wurde. »Was kannst du in einer Woche an Produkt, an Software bauen – und mit wie vielen Leuten sprichst du? Idealerweise solltest du in einer Woche mit 30 Leuten sprechen, um das zu validieren.«
Als Beispiel zieht er Facebook heran: Heute ein Ökosystem mit eigenen Data-Centern und VR-Technologie – gestartet aber als simples Feature für Harvard-Studierende, das im Kern nur eine Frage beantwortete: Single oder nicht. »Viele Teams hängen zu sehr an der großen Vision, an dem, was das Unternehmen in zehn Jahren sein wird. Aber oft fehlt der erste Schritt: ein klares Problem zu identifizieren und ein Produkt zu bauen, das super einfach ist und genau dieses eine Problem löst.«
Wie die Bewerbung bei Pioneers funktioniert
Pro Batch erhält Pioneers mehr als 1.000 Bewerbungen, vergeben werden europaweit rund 30 Plätze. Der geografische Hintergrund spielt dabei keine Rolle – Bewerberinnen und Bewerber können aus Europa oder den USA kommen. Entscheidend sind interessante Lebensläufe, auch und gerade abseits klassischer Startup-Biografien. »Wir hatten zum Beispiel im letzten Batch eine Person, die vorher zwei Unternehmen gegründet hat und sagte: Ich habe nichts davon erfolgreich umgesetzt. Diese Person hat vorher Leistungsschwimmen gemacht und war in Italien Schwimmchampion.« Genau solche Geschichten interessieren Schaffranke – weil sie auf Resilienz und Durchsetzungsvermögen hindeuten.
Der Bewerbungsprozess läuft über ein Online-Formular, gefolgt von zwei Partnergesprächen nach dem Vier-Augen-Prinzip – eines mit Schaffrankes Partner Maxim, eines mit Schaffranke selbst. Wer angenommen wird, erhält eine konkrete Einladung samt Logistik: Pioneers nutzt die Infrastruktur der Station F in Paris, inklusive eines Co-Livings in unmittelbarer Nähe. Auch wer noch alleine unterwegs ist und keinen Co-Founder hat, kann sich bewerben – das Matchmaking in den ersten vier Wochen ist genau dafür gedacht.

Was Schaffranke deutschen Startups rät
Sein Rat an Gründerinnen und Gründer im deutschsprachigen Raum ist unmissverständlich: weniger überanalysieren, mehr umsetzen. »Das Wichtigste ist Umsetzung. Einfach die Dinge machen, testen und, wenn sie nicht funktionieren, seine Schlüsse daraus ziehen. Wir brauchen in Deutschland noch mehr diese Macherinnen- und Macher-Mentalität – und auch eine Offenheit, Fehler zu machen.«
Kontakt & Bewerbung
Wer sich für eine Teilnahme bei Pioneers interessiert oder einfach Kontakt aufnehmen möchte, erreicht Dawid Schaffranke direkt über LinkedIn – er antwortet in der Regel innerhalb von 24 Stunden. Alle Informationen zum Programm gibt es auf der Pioneers-Website.
- Website: thepioneer.vc
- Dawid Schaffranke: Kontaktaufnahme über LinkedIn
Das vollständige Interview mit Dawid Schaffranke ist als Episode des Podcasts Founder Talks verfügbar unter founder-talks.de. Moderation: Holger Hagenlocher.