Der schlafende Riese der Energiewende

Patrick-Noël Horstmeier hat mit levo eine Softwarelösung entwickelt, die Photovoltaik auf Mehrparteienhäusern endlich wirtschaftlich und rechtssicher macht. Wie das geht, erklärt er im Gespräch mit Holger Hagenlocher bei den Founder Talks


Ein Viertel der Einfamilienhäuser in Deutschland trägt bereits eine Solaranlage. Bei Mehrparteienhäusern sind es gerade einmal zwei Prozent. Dabei wären Mehrparteienhäuser eigentlich die besseren Kandidaten. Was sie bislang blockiert hat – und wie levo das ändert – erklärt Gründer Patrick-Noël Horstmeier im Gespräch mit Holger Hagenlocher bei den Founder Talks.

Patrick-Noël Horstmeier bei einem Vortrag zu Photovoltaik auf Mehrparteienhäusern – levo GmbH, Konstanz
Patrick-Noël Horstmeier, Mitgründer der levo GmbH, bei einem Vortrag: »Wir wecken die schlafenden Riesen der Energiewende.« Foto: levo GmbH


Das Potenzial ist riesig. Millionen Dächer. Millionen Wohnungen. Und fast überall: Solaranlagen, die nicht gebaut werden – nicht weil die Technik fehlt, sondern weil die Bürokratie, die Verträge und die rechtliche Komplexität alle Beteiligten überfordern. Patrick-Noël Horstmeier nennt diese ungenutzten Mehrparteienhäuser die »schlafenden Riesen der Energiewende«. Mit levo – gegründet in Konstanz, getragen von drei Franzosen – will er sie wecken.

 

Warum Mehrparteienhäuser besondere Kandidaten für PV sind – und trotzdem kaum ausgestattet werden

Bei Solaranlagen gilt eine einfache Regel: Je mehr des selbst erzeugten Stroms im Gebäude verbraucht wird, desto wirtschaftlicher ist die Anlage. Und je mehr Menschen in einem Gebäude wohnen, desto höher ist dieser Eigenverbrauchsanteil – theoretisch. Mehrparteienhäuser wären also eigentlich ideale Standorte für PV-Anlagen.

In der Praxis aber scheitert es: PV-Fachbetriebe werden plötzlich mit Rechtsfragen konfrontiert, die nichts mit Solartechnik zu tun haben. Verträge zwischen Eigentümern und Mietern müssen aufgesetzt werden. Der erzeugte Strom muss rechtssicher verteilt und abgerechnet werden. Und bisher bedeutete das – beim klassischen Mieterstrommodell – dass der Hauseigentümer de facto zum Stromlieferanten wurde: mit allem, was dazugehört, inklusive des gemeinsamen Stromeinkaufs für das gesamte Gebäude. »Das wollte eigentlich keiner«, sagt Horstmeier.

 

Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung: die modernere Lösung

Der rechtliche Schlüssel liegt in der sogenannten gemeinschaftlichen Gebäudeversorgung – kurz GGV. Sie unterscheidet sich vom älteren Mieterstrommodell grundlegend: Mieterinnen und Mieter können den PV-Strom vom Eigentümer beziehen und gleichzeitig ihren bestehenden Netzstromvertrag behalten. Wenn die Sonne nicht scheint, läuft alles wie gewohnt weiter. Der Eigentümer muss keinen gemeinsamen Stromeinkauf organisieren, wird nicht zum Energieversorger – und erhält am Monatsende die Erlöse aus dem verkauften PV-Strom.

»Idealerweise soll am Monatsende das Geld auf dem Konto landen, ohne dass man sich viel mit Verträgen und der Abwicklung beschäftigen muss«, beschreibt Horstmeier das Versprechen von levo. Genau diesen Teil übernimmt die Software: Planung, Umsetzung, Automatisierung – vollständig softwaregestützt und für alle Beteiligten überschaubar.

 

»Du musst den Leuten einen Wert mitbringen, wenn du möchtest, dass sie einen Wert in dir sehen.«

Patrick-Noël Horstmeier

 

Wie ein levo-Projekt abläuft – von der Anfrage bis zum Betrieb

»Wir sorgen dafür, dass die Sonne für alle scheint – auch für Mehrfamilienhäuser.« Foto: levo GmbH

Der typische Projekteinstieg beginnt mit einem Gebäude oder einem Portfolio, für das jemand Solarenergie nutzen möchte – oft auch wegen gesetzlicher PV-Pflichten, die in immer mehr Bundesländern gelten. levo übernimmt die Analyse: Wie groß sollte die Anlage sein? Welcher Speicher wird benötigt? Lässt sich Elektromobilität einbinden? Was verdient der Eigentümer?

Daraus folgt die Koordination aller Beteiligten: PV-Fachbetrieb, Zählerschranksanierung, Smart-Meter-Einbau, Vertragsgestaltung. Mieterinnen und Mieter können sich über die levo-Plattform registrieren – ähnlich wie bei einer App, in dreieinhalb Minuten. Im laufenden Betrieb übernimmt levo die Zählerauslesung, Rechnungsstellung, Zahlungsabwicklung und Weiterleitung der Erlöse. Alles überblickbar im Portal, auch portfolioübergreifend.

Das Modell versteht sich ausdrücklich nicht als Konkurrenz zum bestehenden Handwerk. »Wir wollen die Betriebe nicht ersetzen, sondern befähigen«, sagt Horstmeier. PV-Fachbetriebe, Stadtwerke, Messstellenbetreiber und Immobilienunternehmen sind Partner, nicht Wettbewerber.

 

Drei Franzosen in Konstanz – eine unwahrscheinliche Gründungsgeschichte

Das Führungsteam der levo GmbH. Foto: levo GmbH

Patrick-Noël Horstmeier hat weder Ingenieurwesen noch Wirtschaftsinformatik studiert. Er kommt aus der Umweltpolitik – hat am französischen Parlament und in einem Umweltministerium gearbeitet, Gesetze mitgestaltet, die er heute in der Praxis umsetzt. »Mein Job ist im Grunde Politik geblieben: Ich muss Menschen davon überzeugen, komplexe rechtliche Themen umzusetzen und zu zeigen, dass sie damit etwas gewinnen können.«

Die Idee entstand an der HSG in St. Gallen. Weil das Thema – deutsche Energiemärkte, deutsche Regularien, deutsche Strompreise – eindeutig nach Deutschland gehörte, wagte er den Sprung über die Grenze. An der HTWG Konstanz fand er ein offenes Umfeld und zwei Mitgründer: Hugo Louessard, zuständig für Finanzen und Projektführung, brachte Erfahrung aus der Impact-Finanzierung mit. Antoine Poirrier, der technische Kopf des Teams, hatte zuvor in Automatisierung, Raumfahrt und Agrarautomatisierung gearbeitet – und entwarf die levo-Software. Im regionalen Umfeld sind die drei als »die drei Franzosen« bekannt.

Finanziert wurde der Start über EXIST, das bundesweite Förderprogramm für technologische Innovationen aus Hochschulen, und über »Junge Innovatoren«, ein Förderprogramm des Landes Baden-Württemberg. Beide Programme trugen levo durch die ersten eineinhalb Jahre – bis zur Gründung der GmbH.

 

Was Gründen wirklich bedeutet – und was levo daraus gelernt hat

Horstmeier spricht offen über die Lernkurve. Nach etwa einem Jahr veränderte eine regulatorische Anpassung den ursprünglichen Business Case grundlegend. Hardware, an der das Team monatelang gearbeitet hatte, trat plötzlich in den Hintergrund. »Man muss die Flexibilität mitbringen, sich anzupassen – und nicht aus Pfadabhängigkeit an demselben Weg festhalten.«

Was er rückblickend anders machen würde: »Etwas weniger Idealismus und etwas mehr Realismus.« Die vielen kleinen, strukturellen Themen – Vertragsgestaltung mit Partnern, internes Projektmanagement, Qualitätssicherung – werden am Anfang leicht übersehen, wenn man mit einer großen Vision startet. »Ein großer Teil des Gründens besteht aus einer langen Liste sehr langweiliger, kleiner Themen.«

Und sein wichtigster Rat: So früh wie möglich raus in die echte Welt. »Ich kenne kein Start-up, dessen Produkt am Ende noch genau dasselbe ist wie am Anfang. Geht raus, holt euch Feedback und seid ehrlich zu euch selbst.«

 

»Ich kenne kein Start-up, dessen Produkt am Ende noch genau dasselbe ist wie am Anfang. Geht raus, holt euch Feedback und seid ehrlich zu euch selbst.«

Patrick-Noël Horstmeier

 

B2B, Vertrauen und die nächste Phase

levo adressiert in erster Linie Immobilienunternehmen, Baugenossenschaften und Wohnungseigentümergemeinschaften – also Akteure, die mehrere Objekte in ihrem Portfolio haben. Der Mehrparteienhaus-Markt in Deutschland ist deutlich konzentrierter als der Einfamilienhausmarkt: Viele Gebäude liegen in den Händen weniger Unternehmen oder Fonds. Wer dort Vertrauen aufbaut und überzeugt, gewinnt nicht ein Projekt, sondern potenziell ein ganzes Portfolio.

Der Vertrauensaufbau läuft über Pilotprojekte, gewonnene Wettbewerbe und – ganz klassisch – persönliche Empfehlungen. »Man braucht Menschen, die einem vertrauen und einen anderen Personen vorstellen.« levo zeigt potenziellen Kunden im ersten Schritt den Wert ihres Portfolios auf – eine Art Analyse als Einstieg, aus der sich dann gemeinsam die nächsten Schritte ableiten.

Die Skalierung erfolgt über Partnerschaften mit PV-Fachbetrieben und Messstellenbetreibern. Wer die schlafenden Riesen flächendeckend wecken will, kann das bestehende Ökosystem nicht ignorieren – er muss es aktivieren.

 

levo – was der Name bedeutet

Patrick-Noël Horstmeier | Foto: levo GmbH

»Einen Namen für ein Unternehmen zu finden ist mindestens so schwierig wie einen Namen für ein Kind.« Das Ergebnis vieler Stunden: levo, aus dem Lateinischen – es steht für »vereinfachen« und »erheben«. Eine Mischung, die das Produkt gut beschreibt. levo schreibt sich wie Lego, nur mit einem V.

 

Kontakt & Links

 

Das vollständige Interview mit Patrick-Noël Horstmeier ist als Episode des Podcasts Founder Talks verfügbar unter founder-talks.de sowie auf Spotify, Apple Podcasts, YouTube und Amazon Music. Moderation: Holger Hagenlocher.


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