Staunen als Konzept

Wie Vanessa Kammermann mit dem WOW Museum eine neue Art von Kulturerlebnis geschaffen hat – zwischen optischer Illusion und unternehmerischer Intuition

Vanessa Kammermann hat die WOW Museen in Zürich und München gegründet – interaktive Erlebnisräume, die optische Illusionen, Edutainment und Perspektivwechsel verbinden. Im Gespräch mit Holger Hagenlocher bei den Founder Talks erzählt sie, wie aus einem Burn-out und einer Notlage eine der ungewöhnlichsten Museumsgründungen der Schweiz wurde – und was Startups daraus lernen können.

Vanessa Kammermann, WOW Museen
Im LED-Spiegelraum des WOW Museums – Vanessa Kammermann, WOW Museen

Es gibt Unternehmen, die aus einem sorgfältig ausgearbeiteten Businessplan entstehen. Und es gibt solche, die entstehen, weil sich plötzlich alles richtig anfühlt – die Räume stimmen, die Bank sagt spontan zu, und ein neugeborenes Baby schläft im Tragetuch, während die Baustelle eröffnet wird. Das WOW Museum ist letzteres.

Vanessa Kammermann hat kein klassisches Gründerinnen-CV. Sie hat Verkehrswirtschaft an der TU Dresden studiert – BWL, Logistik, Luftfahrt –, danach Lehramt angefangen, drei Kinder bekommen und irgendwann gemerkt, dass sie sich damit in ein Burn-out gearbeitet hatte. Ihr Mann war zur gleichen Zeit zwischen zwei Jobs. Vier Kinder, zwei erschöpfte Menschen, keine klare Richtung. Dann kam die Idee zurück, die sie eigentlich schon wieder vergessen hatte: Illusionsräume. Wie in Neuseeland. Nur in Zürich.

Wenn das Universum alle Türen öffnet

Was folgte, klingt im Rückblick fast unwirklich. Geeignete Räumlichkeiten in bester Züricher Lage – Zufall. Eine Agentur, die das Konzept für umsetzbar hielt – Zufall. Und dann dieser Moment in der Bank, wo es eigentlich nur um ein Geschäftskonto ging: »Beim Rausgehen sagten sie, wenn wir Geld bräuchten, würden sie uns gerne welches geben. Das Konzept sei gut, der Businessplan sauber – und wir beide als Team würden gut zusammenpassen.«

Kammermann beschreibt diese Phase als eine des fast schon naiven Vertrauens. »Ich habe nachts gebetet: Wenn das schiefgehen könnte, setz uns einen Stolperstein. Aber es gingen immer alle Türen auf.« Neun Monate nach der ersten konkreten Überlegung hatten sie Location, Finanzierung und Konzept – und begannen zu bauen. Mit drei Kindern. Dann mit vier.

Spiegel-Illusionen im WOW-Museum
Besucher im bunten Perspektivraum des WOW Museums | Spiegel-Illusionen im WOW-Museum

Was man im WOW Museum wirklich erlebt

Das Konzept ist einfacher zu erleben als zu erklären. Die WOW Museen sind keine klassischen Ausstellungshäuser mit Vitrinen und Erklärtafeln. Sie sind Erlebnisräume, die man durchläuft – mit Lichtinstallationen, Spiegeln, schiefen Räumen, UV-Schwarzlicht, Mustern, die das Gehirn täuschen, Rätseln an den Wänden und Perspektiven, die je nach Standpunkt vollständig unterschiedliche Dinge zeigen.

»Der Gast wird selbst Teil der Ausstellung«, sagt Kammermann. »Man erfährt alles am eigenen Körper.« Das Edutainment-Prinzip, auf dem die WOW Museen beruhen, stellt eine simple Beobachtung in den Mittelpunkt: Menschen lernen am besten, wenn sie Spaß haben. Und am tiefsten lernen sie, wenn sie etwas selbst erleben.

Was bleibt, ist eine Frage, die Kammermann als Kern des Museumskonzepts beschreibt: Sehe ich das Gleiche wie die Person neben mir? Ist meine Wahrnehmung die richtige – oder gibt es vielleicht keine richtige Wahrnehmung, sondern nur verschiedene? »Es geht darum, zu hinterfragen: Gibt es nur richtig und falsch? Lebe ich in meiner eigenen Wahrheit? Wie ist meine Wahrnehmung – und wie die des anderen?«

»Ich bezeichne es mittlerweile als Freudentanz – weil die Leute so viel Spaß daran haben.«

Spiegelinstallation im WOW Museum mit Besucherin | WOW-Museum Zürich und WOW-Museum München
Spiegelräume, die vervielfältigen und verzaubern – das WOW Museum macht Wahrnehmung erlebbar. Foto: WOW Museum | WOW-Museum Zürich und WOW-Museum München

Zürich versus München: David gegen Goliath

Das erste Museum eröffnete mitten in der Corona-Pandemie in Zürich – ein Zeitpunkt, der sich im Nachhinein als Glücksfall erwies. Die Presse berichtete, weil kaum jemand sonst eröffnete. Schulklassen, die nicht mehr ins Ausland reisen durften, kamen in die Illusionsräume. Das Museum wuchs organisch: Kammermann und eine Praktikantin, alle Listen selbst erstellt, alle Prozesse selbst entwickelt, alles von Grund auf.

München, vier Jahre später, war eine ganz andere Erfahrung. Ein größeres Team – 13 Personen statt zwei –, ein größerer Markt, aber auch deutlich härtere Bedingungen. »München ist David gegen Goliath«, sagt Kammermann offen. Große Attraktionen, staatlich subventioniert, mit Preisen, die ein privat finanziertes Museum schlicht nicht unterbieten kann. Dazu die räumliche Distanz: Kammermann lebt in Zürich, ist Mutter von vier Kindern, pendelt phasenweise.

Und sie benennt, was ihr dabei fehlt: das Verwurzeltsein. »In Zürich habe ich das komplett gelebt. Dieses permanente Vor-Ort-Sein, dieses Vernetztsein. Das hilft extrem.« In München fehle ihr genau das. Und ihre Erkenntnis über die Teamgröße überrascht: In München mit 13 Personen zu starten war nicht einfacher als in Zürich zu zweit. Es war komplizierter. »Dieses organische Wachstum – klein starten und dann Leute anstellen – ist eventuell gesünder für alle Beteiligten.«

Vanessa Kammermann, Gründerin der WOW Museen in Zürich und München. Foto: WOW Museum
| Vannessa Kammermann, Gründerin der WOW-Museen in Zürich und München
Vannessa Kammermann, Gründerin der WOW-Museen in Zürich und München

Passion, nicht Leidenschaft

Gefragt, ob Leidenschaft oder betriebswirtschaftliche Vernunft beim Gründen wichtiger sei, gibt Kammermann eine Antwort, die man sich merken möchte: »Leidenschaft hat immer etwas von ›Leiden schafft‹. Ich finde das Wort Passion schöner.«

Die Passion müsse da sein. Das Beflügelnde müsse da sein. Aber es müsse auch betriebswirtschaftlich Sinn machen – gerade dann, wenn eine Familie davon lebt. Gleichzeitig warnt sie vor dem Überdenken: »Wenn wir alles vorher ganz strukturiert und bedacht hätten, wäre das WOW Museum wahrscheinlich nicht entstanden.«

Ihr Rat an alle, die gerade mit einer Idee sitzen: sich Gleichgesinnte suchen, die schon einen ähnlichen Weg gegangen sind, die kritische Fragen stellen – und dann einfach machen. »Man lernt tolle Menschen kennen, macht tolle Erfahrungen und lernt so viel auf diesem Weg.«

»Die Familie gibt mir Energie für das Unternehmen – und das Unternehmen gibt mir Energie und Geduld für die Kinder. Das ist ein wunderschöner, befruchtender Austausch.«

Wenn die Familie Energie gibt – und das Unternehmen Geduld

Vier Kinder, zwei Museen, Zürich und München: Wie das unter einen Hut passt, beantwortet Kammermann mit erfrischender Direktheit. »Mit Hilfe.« Ihr Mann ist CFO und übernimmt unter der Woche einen großen Teil der Kinderlogistik. Eine Haushaltshilfe kommt dreimal die Woche. Kochen macht Kammermann gerne selbst. Aufräumen dürfen die Kinder. »Das würde ich nicht auch noch schaffen.«

28 Aktivitäten pro Woche – Hobbys, Sport, Schule –, drei Lebenswelten, die es zu koordinieren gilt. Was ihr dabei hilft: die Energie, die in beide Richtungen fließt. Den Punkt, an dem man sagen kann, man habe es geschafft, sucht sie im Beruf nicht. »Bei den Kindern kann ich abends sagen: Jetzt liegen sie im Bett, heute habe ich es geschafft. Im Beruf eher nicht.« Was es stattdessen gibt: kleine Momente im Museum, in denen etwas sichtbar wird, wofür das alles da ist. Rentnerinnen und Rentner, die Hand in Hand Bilder machen. Jugendliche, die Dinge sehen, die Erwachsene nicht sehen – und umgekehrt.

Einblick ins WOW Museum
Einblick ins WOW Museum

Was als nächstes kommt

Neue Standorte? Möglich. Kammermann denkt an Deutschland, vielleicht sogar die USA oder Asien – »der Name funktioniert überall«. Aber sie forciert nichts. »Wenn jemand Interesse hat, das für uns auszurollen, würde ich mich freuen.« Wer das WOW Museum als Franchisenehmer oder Partner weiterentwickeln möchte, ist herzlich eingeladen, Kontakt aufzunehmen. Bis dahin: go with the flow – und mehr strahlende Gesichter in die Welt bringen.

Besuche das WOW Museum

  • WOW Museum Zürich: wow-museum.com · Werdmühlestrasse / Werdmühleplatz, ca. 100 m vom Hauptbahnhof
  • WOW Museum München: wow-museum.de · Im Tal, zwischen Isartor, Viktualienmarkt und Marienplatz
Perspektivische Verzerrung im WOW-Museum Zürich
Perspektivische Verzerrung im WOW-Museum Zürich

Das vollständige Interview mit Vanessa Kammermann ist als Episode des Podcasts Founder Talks verfügbar unter founder-talks.de. Moderation: Holger Hagenlocher.


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