Der BH, der wirklich passt – und warum es ihn bisher nicht gab

Linda Durisch hat mit MYNE ein Schweizer Fashion-Tech-Startup gegründet, das Unterwäsche vom Körper her denkt – per KI-Scan, On-Demand-Produktion und ohne Standardgrößen

Mehr als jede zweite Frau trägt den falschen BH – nicht weil ihr Körper falsch ist, sondern weil das System falsch denkt. Linda Durisch hat mit ihrem Mann Mathias ein Startup gegründet, das genau diesen Systemfehler behebt. Im Gespräch mit Holger Hagenlocher bei den Founder Talks erklärt sie, wie MYNE funktioniert, warum die BHs nach ihren Töchtern benannt sind – und was eine 89-jährige Kundin sie gelehrt hat.

Linda Durisch, Gründerin von MYNE, sitzt vor einer hellen Backsteinwand.
Linda Durisch, Gründerin des Schweizer Fashiontech-Startups MYNE.

»When it’s made for me, it’s mine.« Der Name ist Programm. MYNE – ausgesprochen wie das englische »mine« – steht für einen Ansatz, der in der Modeindustrie noch immer radikal ist: Ein BH, der nicht in einer Konfektionsgröße gefertigt wird, sondern exakt für den Körper der Person, die ihn trägt. Kein Kompromiss, kein »passt schon irgendwie«. Sondern Passform als Versprechen.

Linda Durisch hat sich 15 Jahre mit Passformtechnologie beschäftigt, bevor MYNE entstand. Ihre Masterarbeit kam damals zu einem ernüchternden Ergebnis: Es ist nicht möglich. Bodyscanner waren zu teuer, zu groß, die Datenlage zu dünn. Heute, mit KI-gestützter Smartphone-Technologie und Robotikproduktion, hat sich das geändert. »Als ich die Erkenntnis hatte, dass wir an einem neuen Punkt stehen, haben mein Mann und ich beschlossen: Das machen wir jetzt.«

Ein Systemfehler – kein Körperfehler

Die Zahlen sind eindeutig: Nur zwölf Prozent aller Frauen entsprechen einer Standardkonfektionsgröße. Der Rest kauft BHs, die nicht wirklich passen – und glaubt oft, das liege an ihrem Körper. »Frauen gehen in den Laden, es passt alles nicht – und dann denken sie, sie seien das Problem. Und so wird es einem durch Marketing auch noch suggeriert«, sagt Durisch.

Dabei ist der Grund ein struktureller: Die Modeindustrie hat sich seit der Industrialisierung konsequent in Richtung Margenoptimierung entwickelt. Immer weniger Größen, immer breitere Zielgruppen – bis zuletzt eine BH-Brand mit den Größen S, M und L auf den Markt kam. »Angesichts der Tatsache, dass kein Körper dem anderen gleicht und wir alle unterschiedlich sind im Umfang, in der Größe – und dann noch die dreidimensionale Brust dazukommt – kann dieses System eigentlich nicht aufgehen.«

»Frauen glauben, ihr Körper sei das Problem. Dabei funktioniert schlicht das System nicht.«

Linda Durisch, Co-Gründerin MYNE

Vom Handy-Scan zum maßgefertigten BH – wie MYNE funktioniert

Linda Durisch arbeitet an einem Produktboard mit Skizzen und Entwürfen für MYNE-BHs.

Der Prozess klingt komplex – ist für die Kundin aber bewusst einfach gestaltet. Auf der Website wählt man zunächst das gewünschte Modell, erstellt dann ein Körperprofil: Größe, Gewicht, Alter, aktuelle BH-Größe – und dann der Scan. Das Smartphone wird auf den Boden gestellt, drei Schritte Abstand, einmal im Kreis drehen. Das war’s.

Im Hintergrund läuft dabei erheblich mehr: Das Gesicht wird automatisch geblurrt, der Hintergrund gelöscht, die entstandenen Aufnahmen werden vollständig anonymisiert und nie mit der Identität der Nutzerin verknüpft. Aus dem Scan entstehen weit über 100 Körperdatenpunkte, die in ein individuelles Schnittmuster übersetzt werden. »Ich mache nichts, was ich nicht selbst auch machen würde«, sagt Durisch. »Nirgendwo schwirren nackte Brustbilder herum.«

Mia und Ella – benannt nach den Töchtern

Aktuell gibt es bei MYNE zwei Modelle: Mia und Ella – beide benannt nach den Töchtern der Gründerin. »Das soll uns tagtäglich daran erinnern, wofür wir das machen: für die nächste Generation an Frauen, die sich nicht mehr in Standardgrößen zurechtfinden müssen.«

Mia eignet sich besonders für kleinere Körbchengrößen und ist in einer Plain-Version erhältlich – butterweich, kaum spürbar. Ella bietet mehr Halt durch breitere Träger, mehr Seitenunterstützung und einen maßgefertigten Silicone Frame, der sich exakt um die Brust schmiegt. Beide Modelle werden on demand gefertigt – kein Lager, keine Überproduktion, keine Vernichtung unverkaufter Ware.

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt eine Rückmeldung, die Linda Durisch besonders berührt hat: Eine 89-jährige Frau schrieb, sie habe ihr Leben lang nach dem perfekten BH gesucht – und ihn erst jetzt, mit MYNE, gefunden.

»Same White. Always Different.« – die Kampagne

Zum Launch des weißen BH-Modells Cloud White hat MYNE eine Kampagne entwickelt, die den Kern des Unternehmens auf den Punkt bringt: das gleiche Weiß für alle – aber jeder BH individuell gefertigt, weil jede Frau individuell ist. »Gleiches weiss. Immer anders.« Die Kampagne ist auf der Website und dem Instagram-Kanal von MYNE zu sehen.

MYNE-Kampagnenmotiv Cloud White mit zwei Frauen im weißen BH und dem Claim „Gleiches weiss. Immer anders.“
Kampagnenmotiv „Cloud White“ von MYNE: Gleiches Weiß. Immer anders.

Gründen als Ehepaar – Vertrauen als Fundament

Linda und Mathias Durisch haben sich auf der Arbeit kennengelernt – lange bevor sie ein Paar wurden. Erst die Zusammenarbeit, dann die Freundschaft, dann die Liebe. Eine Reihenfolge, die für MYNE zur Stärke wurde. »Wir wissen, dass wir sehr gut miteinander arbeiten können. Wir ergänzen uns, haben aber auch eine gleiche Denkweise und Einstellung zur Arbeit.«

Herausforderungen, bei denen beide an ihre Grenzen kamen, lagen weniger im Technologischen als im Kaufmännischen: Vertragsgestaltung, Finanzierungsrunden, Investorengespräche. »Wir mussten da reinwachsen. Was uns geholfen hat: das Vertrauen, dass man für alles irgendwo eine Lösung findet. Man muss nur wissen, wo.«

»Man sagt, zusammen zu gründen sei wie eine Ehe. Das haben wir schon ausprobiert – und es klappt.«

Linda Durisch über die Gründung mit ihrem Mann Mathias

Graubünden, Kroatien, die Welt – Standort und Skalierung

MYNE ist in Graubünden gegründet – einem Standort, der auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkt für ein Fashiontech-Startup. Tatsächlich hat die Region konkrete Vorteile geliefert: eine Stiftung, die das Startkapital ermöglicht hat, und Fördermöglichkeiten, die den frühen Aufbau des Teams finanzierten. Die Produktion läuft heute in Kroatien – aus pragmatischen Gründen: europäische Lieferwege, keine Schweizer Zollhürden für den EU-Markt.

Die On-Demand-Produktion mit Robotik ist teurer als Massenproduktion in Asien – aber sie spart an anderer Stelle: keine Lagerkosten, keine Überproduktion, kaum Retouren. »Die Fashionindustrie hat heute das große Problem der Retouren und der Vorproduktion. Da setzen wir an.« Langfristig denkt MYNE in dezentralen Produktionseinheiten, die weltweit an verschiedenen Standorten betrieben werden können.

Die größte Hürde: Niemand sucht nach uns

Was Linda Durisch als härteste Herausforderung benennt, ist kein technisches, sondern ein kommunikatives Problem: »Niemand gibt im Internet ein: ›Zeig mir mal einen maßgefertigten BH.‹« Das Produkt existiert in der Suchrealität der meisten Frauen schlicht noch nicht – während etablierte BH-Marken das Keyword »BH« im Netz längst besetzt haben.

Die Antwort von MYNE: ein Weiterempfehlungsprogramm, das zufriedene Kundinnen zu Botschafterinnen macht, und perspektivisch Pop-up-Formate, bei denen Frauen das Produkt anfassen und erleben können – bevor sie online bestellen. »Die größte Hemmschwelle ist, ein maßgefertigtes Produkt online zu bestellen, das man vorher noch nicht in der Hand hatte.«

Das wichtigste Learning: der eigenen Intuition vertrauen

Wenn Linda Durisch gefragt wird, was sie heute anders machen würde, kommt die Antwort ohne Zögern: »Ich würde mir mehr Standfestigkeit im Glauben an meine eigene Intuition wünschen.« Als Gründerin bekommt man Feedback von allen Seiten – aus dem privaten Umfeld, von Investoren, von Kundinnen. All das ist wertvoll. Aber es kann auch lähmen, wenn man in jede Richtung gleichzeitig losrennt. »Die Intuition habe ich mir im letzten Jahr zurückgeholt.«

Exklusiver Vorteilscode für Founder Talks-Hörer:innen

Wer MYNE ausprobieren möchte, findet alle Produkte unter its-myne.com. Für Hörerinnen und Hörer der Founder Talks gibt es einen exklusiven Rabattcode:

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Das vollständige Interview mit Linda Durisch ist als Episode des Podcasts Founder Talks verfügbar unter founder-talks.de. Moderation: Holger Hagenlocher.



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