Sonja Schwarzkopf hat mit dem Incubator Village Beeskow ein Gründungsökosystem im ländlichen Brandenburg aufgebaut – und zeigt, warum Ruhe, Fokus und echtes Mentoring mehr bringen als jeder Berliner Startup-Hotspot
Startups entstehen in Berlin, München, Hamburg – oder dort, wo man wirklich zum Arbeiten kommt. Sonja Schwarzkopf hat sich bewusst für Beeskow an der Spree entschieden, eine Kleinstadt in Brandenburg, rund eine Stunde von Berlin entfernt. Ihr Incubator Village verbindet Coworking, digitale Lernplattform, persönliches Mentoring und regionale Vernetzung. Im Gespräch mit Holger Hagenlocher bei den Founder Talks erzählt sie, was das erste Semester mit zwanzig Startups gelehrt hat – und warum Gründen auf dem Land mehr Vorteile hat, als die meisten ahnen.
»Innovation ist nicht an eine Großstadt-Postleitzahl gebunden.« Der Satz klingt wie ein Manifest – und er ist einer. Sonja Schwarzkopf hat ihn nicht auf einer Konferenz formuliert, sondern in der Praxis gelebt: mit dem Aufbau des Incubator Village Beeskow, einem Startup-Zentrum und wachsenden Gründungsökosystem mitten im ländlichen Brandenburg.
Beeskow liegt auf einer Spreeinsel im Dreieck Berlin–Frankfurt (Oder)–Cottbus – ruhig, grün und weit weg vom Großstadtlärm. Genau das ist kein Nachteil, sondern das Konzept.
Was das Incubator Village ist – und was es ausdrücklich nicht ist
Das Incubator Village Beeskow ist kein theoretisches Förderprogramm, sondern ein hybrides Format aus physischem Coworking-Raum, digitaler Community-Plattform, persönlichem 1:1-Mentoring und Retreats – alles nach dem Prinzip »von Unternehmerinnen für Unternehmer«. Schwarzkopf bringt jahrzehntelange eigene Gründungserfahrung mit: Seit ihrem 23. Lebensjahr ist sie unternehmerisch aktiv, hat Erfolge und Krisen erlebt, Neuanfänge gemeistert.
»Gründer brauchen keine Informationen – die haben alle Zugang zu Wissen«, sagt sie über die wichtigste Erkenntnis aus dem ersten Semester. »Sie brauchen Orientierung. Und ehrliches Feedback von Menschen, die selbst schon durch ähnliche Situationen gegangen sind.«
Tiny Spaces, Retreats und eine digitale Community-Plattform
Das Herzstück vor Ort ist eine offene Coworking-Fläche auf der Spreeinsel. Ergänzt wird sie durch sogenannte Tiny Spaces – kompakte, mobile Rückzugsorte aus Holz und Glas, die für konzentriertes Arbeiten, Videocalls oder ruhige Einzelgespräche genutzt werden. Das Bild der kleinen Dreieckshäuser auf der Wiese ist kein Zufall: Es signalisiert, dass hier anders gedacht wird.

Das Programm selbst läuft sechs Monate und folgt einem klaren Rhythmus: Vor-Ort-Retreats – meist an Wochenenden –, Online-Workshops, individuelles Mentoring und der laufende Austausch über die digitale Community-Plattform. Dort sind alle Lerninhalte abrufbar, die Gründerinnen und Gründer können kollaborieren und sich auch unabhängig vom offiziellen Programm vernetzen.
Für wen das Programm gedacht ist
Das Incubator Village richtet sich an Startups und Einzelgründerinnen und -gründer, die in Brandenburg ansässig sind oder eine Niederlassung dort eröffnen, nicht älter als fünf Jahre sind und einen Bezug zu Digitalisierung, Nachhaltigkeit oder regionaler Wertschöpfung mitbringen. Die Teilnahme ist kostenlos – gefördert durch das Land Brandenburg und den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), beauftragt von der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB).
»Kostenfrei heißt aber nicht unverbindlich«, betont Schwarzkopf. »Wir erwarten Einsatz, Motivation und den Willen, wirklich mitzuarbeiten. Es soll kein Hobby sein.«
»Ich habe in einer Woche hier auf der Spreeinsel mehr geschafft als in einem Monat in Berlin. Weil ich hier keine Ablenkung habe.«
Was das erste Semester gelehrt hat
Zwanzig Startups haben das erste Semester durchlaufen. Drei haben ihr Vorhaben im Verlauf aufgegeben – weil das Geschäftsmodell nicht trug oder die persönliche Motivation fehlte. Der Rest ist weiter dabei. Und die Erkenntnis, die Schwarzkopf am meisten mitgenommen hat, ist simpel und tiefgründig zugleich: Gründen macht einsam.
»Viele sitzen in ihrem Kämmerlein und haben einfach nicht das Feedback, das sie brauchen.« Genau deshalb ist Community im Incubator Village kein Zusatzangebot, sondern Kernbestandteil. In den Retreats entstehen Vertrauensverhältnisse, Kooperationen, manchmal Freundschaften. Und die Erkenntnis, dass die eigenen Herausforderungen nicht einzigartig sind – sondern von anderen gerade genauso erlebt werden.

Finanzierung: Kein Startup ist ein VC-Case
Ein häufiges Missverständnis in der Gründungsszene ist laut Schwarzkopf die Vorstellung, jedes Startup müsse ein Venture-Capital-Case sein. »Ehrlicherweise sind das zwei bis fünf Prozent – vielleicht.« In Brandenburg, wo Unicorns schlicht nicht das vorherrschende Modell sind, geht es darum, die passende Finanzierungsform zu finden: Bankkredit, Bootstrapping, Business Angel, Förderprogramm. Die Investitionsbank des Landes Brandenburg bietet dazu eigene Beratungsangebote. Das Incubator Village begleitet diesen Prozess individuell – denn pauschale Antworten gibt es beim Thema Finanzierung nicht.
Die häufigsten Fehler in der Frühphase
Schwarzkopf kennt die Muster nach Jahren in der Beratung und Gründungsbegleitung. Zwei davon begegnen ihr immer wieder: Erstens die Verliebtheit in die eigene Lösung, ohne vorher zu prüfen, ob überhaupt jemand dafür bezahlen würde. »Tolle Lösung – aber braucht die Welt das so?« Ihr Rat: So früh wie möglich mit potenziellen Kunden sprechen, Umfragen machen, Testkunden gewinnen.
Zweitens: zu lange im stillen Kämmerlein bauen. »Viele warten, bis es perfekt ist. Aber perfekt ist nie etwas. Und während sie warten, bringt jemand anderes die Lösung auf den Markt.« Feedback ist kein Risiko, sondern Kapital. Im schlimmsten Fall erfährt man, dass es nicht funktioniert – und spart damit Zeit und Geld.
»Keine Angst vor Feedback. Was soll passieren? Im besten Fall wertvoller Input – im schlimmsten Fall die Erkenntnis, dass es nicht funktioniert. Auch das ist positiv.«
Warum Brandenburg ein unterschätzter Gründungsstandort ist
Brandenburg bietet Gründerinnen und Gründern konkrete strukturelle Vorteile, die im Berliner Hype oft untergehen: Förderprogramme, die weniger überlaufen sind als in der Hauptstadt. Ein vergleichsweise niedriger Gewerbesteuerhebesatz. Günstige Gewerbe- und Büroflächen. Und: kurze Wege, persönliche Beziehungen, ländliche Ruhe.
Das Incubator Village ist dabei ausdrücklich kein Gegenentwurf zur Großstadt, sondern eine Ergänzung. »Man muss Berlin nicht ausschließen. Aber man kann hier in einer Woche mehr schaffen als dort in einem Monat.«
Internationale Gründerinnen und Gründer – auch aus Österreich oder der Schweiz – sind willkommen, sofern sie eine Niederlassung in Brandenburg eröffnen. Im zweiten Semester ist bereits ein österreichisches Unternehmen dabei. Das hybride Modell mit Online-Formaten macht das unkompliziert möglich.
Das Ziel: Ein dauerhaftes Ökosystem – nicht nur erfolgreiche Einzelfälle
Das Förderprogramm des Landes Brandenburg läuft bis Ende 2028. Schwarzkopfs Ziel reicht weiter: ein funktionierendes, selbsttragendes Gründungsökosystem in der Region, das auch danach Bestand hat. »Es soll keine Eintagsfliege sein.« Wie das nach 2028 konkret aussieht, ist noch offen – aber der Wille ist klar.
Bewerbung und Kontakt
Wer sich für das Programm interessiert, findet auf der Website einen Bewerbungsbutton. Nach einer ersten Vorab-Bewerbung folgt ein persönliches Kennenlerngespräch – um herauszufinden, ob das Startup zum Programm passt und umgekehrt. Startups müssen zum Programmbeginn gegründet sein, können aber schon vorher Kontakt aufnehmen.
- Website & Bewerbung: incubator-village-beeskow.com
- Sonja Schwarzkopf auf LinkedIn: linkedin.com/in/sonja-schwarzkopf

Das vollständige Interview mit Sonja Schwarzkopf ist als Episode des Podcasts Founder Talks verfügbar unter founder-talks.de sowie überall, wo es Podcasts gibt (zum Beispiel auf Spotify, Apple Podcasts, YouTube oder Amazon Music). Moderation: Holger Hagenlocher.