Vom Zukunftsfrust zum Zukunftsmut

Achim Kampker über die „perfektionierte Langsamkeit“ in Deutschland, fehlenden Mut beim Skalieren, eine neue Gründerzeit – und darüber, warum gute Ideen allein noch keine Innovationen machen.

An Ideen mangelt es nicht. Auch nicht an Forschung, Ingenieurswissen oder Technologien. Das Problem beginnt für Achim Kampker häufig ein paar Schritte später: wenn aus einer Idee ein Unternehmen werden soll, wenn Kapital gebraucht wird, Genehmigungen anstehen und aus einem vielversprechenden Projekt plötzlich industrieller Maßstab werden muss.

„Wir haben gute Ideen, aber wir nutzen das eigentlich nicht“, sagt der Maschinenbauingenieur, Hochschullehrer und Unternehmer im Gespräch bei den Founder Talks. Zu viele Regeln, zu viele Einschränkungen und eine wachsende Vorsicht beim Entscheiden führten dazu, dass vorhandenes Potenzial liegen bleibe.

Prof. Dr.-Ing. Achim Kampker spricht im Founder Talk über Innovation, Unternehmertum und die Frage, wie aus Zukunftsfrust wieder Zukunftsmut werden kann.

Kampker kennt die Strecke zwischen Forschung und Unternehmertum aus eigener Erfahrung. Er ist Professor an der RWTH Aachen und Mitgründer der StreetScooter GmbH. Seit Jahren beschäftigt er sich damit, wie technologische Entwicklungen ihren Weg aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Unternehmen und industrielle Wertschöpfung finden.

Sein neues Buch trägt den Titel „Zukunftsfrust – Zukunftsmut“. Schon diese beiden Begriffe markieren die Spannweite des Gesprächs mit Founder-Talks-Host Holger Hagenlocher. Es geht um das, was in Deutschland aus Kampkers Sicht nicht funktioniert. Aber eben nicht nur darum.

Denn beim Frust stehen zu bleiben, interessiert ihn wenig.

Das Handwerkszeug ist vorhanden

Auf die Frage, ob Deutschland eher die Technologien fehlen oder die Fähigkeit, vorhandene Möglichkeiten konsequent zu nutzen, muss Kampker nicht lange überlegen: Letzteres.

Das sei gerade deshalb frustrierend, weil viele Voraussetzungen vorhanden seien. Forschung, Ideen und technisches Know-how sind aus seiner Sicht nicht das eigentliche Problem. Schwieriger werde es dort, wo Entscheidungen getroffen und Dinge umgesetzt werden müssen.

„Wir haben das ganze Handwerkszeug. Wir haben gute Ideen, aber wir nutzen das eigentlich nicht.“

Prof. Dr.-Ing. Achim Kampker

Sein Buch will deshalb keine weitere Bestandsaufnahme deutscher Standortprobleme liefern. Kampker versucht den Blick umzudrehen: Wenn die Mittel grundsätzlich vorhanden sind, was müsste sich verändern, damit sie auch Wirkung entfalten?

Die „Herrschaft der Schreibtische“

Eines der Kapitel seines Buches trägt den Titel „Die Herrschaft der Schreibtische“. Die Formulierung ist zugespitzt, Kampkers Kritik an der Bürokratie fällt im Gespräch allerdings differenzierter aus, als die Überschrift zunächst vermuten lässt.

Bürokratie habe durchaus eine Funktion. Regeln schaffen Vergleichbarkeit, sie können Verfahren fairer und effizienter machen. Das Problem sieht Kampker im Ausmaß. „Wir haben den Bogen bei weitem überspannt“, sagt er.

Dazu komme etwas, das sich nicht mit einem neuen Formular oder einer digitalen Verwaltungssoftware erledigen lasse: eine zunehmende Mutlosigkeit beim Entscheiden. Kampker erinnert sich an Zeiten, in denen Behördenmitarbeiter vorhandene Spielräume stärker genutzt hätten. Heute erlebe er häufiger die Frage, was eine Regel erlaubt – und seltener die Suche nach einem gangbaren Weg zu einem gewünschten Ergebnis.

Digitalisierung bleibt für ihn notwendig. Als Allheilmittel taugt sie nicht. Ein schlechter oder unnötig komplizierter Prozess wird schließlich nicht automatisch besser, nur weil er auf einem Bildschirm statt auf Papier stattfindet.

Kampker fordert deshalb mehr Entscheidungsbereitschaft in Verwaltungen und Behördenleitungen. Die entscheidende Frage müsse wieder häufiger lauten: Wie bekommen wir etwas innerhalb des vorhandenen Rahmens möglich?

Vom Prototyp zur Serie wird es schwierig

Für Startups wird die Debatte spätestens dort konkret, wo Forschung, Produktentwicklung und Unternehmertum zusammenkommen. Deutschland ist stark darin, Technologien zu entwickeln. Deutlich schwieriger wird es nach Kampkers Beobachtung, daraus große, skalierende Unternehmen aufzubauen.

StreetScooter ist für ihn dabei auch ein Stück eigene Anschauung. Bis zu einem bestimmten Punkt habe vieles hervorragend funktioniert: technische Hürden wurden genommen, ein starkes Team entstand, aus einer Idee wurde ein reales Produkt.

„Die Skalierung ist das Kernproblem.“

Prof. Dr.-Ing. Achim Kampker

Sobald größere Summen ins Spiel kommen und das finanzielle Risiko steigt, werde in Deutschland häufig anders bewertet als etwa in den USA. Kampker sieht einen wesentlichen Unterschied darin, dass hier stärker auf das bereits Erreichte geschaut werde, während andernorts das künftige Potenzial eines Unternehmens mehr Gewicht bekomme.

Und noch früher gibt es eine Lücke: Manche Forschung schafft es gar nicht erst aus der Hochschule in den ersten unternehmerischen Schritt. Für Kampker sind damit zwei Engstellen benannt – der Transfer aus der Wissenschaft und die spätere Skalierung.

Kapital ist vorhanden. Aber kommt es an der richtigen Stelle an?

Beim Geld widerspricht Kampker einer verbreiteten Diagnose. Deutschland sei kein armes Land, und es fehle auch nicht grundsätzlich an Kapital. Die Frage sei vielmehr, auf welchen Wegen es investiert werde.

Bei öffentlichen Fördermitteln sieht er teilweise Regelwerke, die eine spätere Kommerzialisierung erschweren. Geld werde ausgegeben, erreiche aber nicht immer die gewünschte Wirkung. Gleichzeitig liege viel privates Vermögen auf Konten oder fließe in klassische Anlageformen.

Seine Forderung ist ziemlich eindeutig: Mehr privates Kapital müsse in Startups, technologische Ideen und neue Unternehmen gelangen. Dafür brauche es geeignete Investitionsmöglichkeiten – und eine andere Haltung gegenüber unternehmerischem Risiko.

Kampker nimmt sich dabei selbst nicht aus. Auf die Frage, was er bei einer erneuten technologieorientierten Gründung anders machen würde, nennt er ausgerechnet die Finanzierung.

Beim StreetScooter sei er zu blauäugig an dieses Thema herangegangen. Heute würde er früher lernen, wie Investoren denken, welche Informationen sie benötigen und in welcher Struktur ein technologiegetriebenes Unternehmen seine Geschichte erzählen muss. Kampker spricht davon, die „Finanzsprache“ zu beherrschen. Nicht um eine technologische Idee gefälliger zu machen, sondern um überhaupt verstanden zu werden.

Unverändert würde er dagegen etwas anderes angehen: den Aufbau des Teams. Was damals entstanden sei, bezeichnet er rückblickend als „unglaublich“. Gute Technologie allein trägt ein Unternehmen eben nicht.

In „Zukunftsfrust – Zukunftsmut“ entwirft Achim Kampker einen Strategie-Atlas für die Weiterentwicklung der Marktwirtschaft.

Eine neue Gründerzeit braucht mehr als Förderprogramme

Wer mehr Gründungen aus Forschung und Technologie will, landet schnell bei Förderprogrammen, Venture Capital oder Ausgründungszentren. Kampker setzt noch einen Schritt früher an. Es geht ihm auch um gesellschaftliche Anerkennung.

Unternehmerisches Handeln müsse wieder selbstverständlicher positiv bewertet werden. Das schließt für ihn ausdrücklich ein, mit einem Unternehmen Geld zu verdienen und Rendite zu erwirtschaften. Wer gründet, investiert Zeit, Kapital und trägt Risiken. Dass daraus im Erfolgsfall ein wirtschaftlicher Gewinn entsteht, hält Kampker nicht für einen Makel, sondern für einen notwendigen Teil des Systems.

Daneben brauche eine Gesellschaft gemeinsame Ziele. Nicht jede technologische Entwicklung begeistert automatisch Menschen, nur weil sie technisch möglich ist. Kampker spricht deshalb von Visionen: von einer Kreislaufwirtschaft, vom Heilen seltener Krankheiten, von neuen Anwendungen in der Raumfahrt.

Sein Begriff dafür ist eine neue Gründerzeit. Gemeint ist damit weniger die nostalgische Rückkehr in eine vergangene industrielle Epoche als die Bereitschaft, große technische und wirtschaftliche Aufgaben wieder mit einem gewissen Zutrauen anzugehen.

Revolution oder Evolution der Marktwirtschaft?

Der Untertitel seines Buches spricht von einer „(R)Evolution der Marktwirtschaft“. Das eingeklammerte R ist Absicht. Manche Veränderungen könnten evolutionär funktionieren, andere könnten erheblich grundsätzlicher werden.

Kampker nennt künstliche Intelligenz und humanoide Robotik. Wenn Maschinen künftig einen erheblichen Teil menschlicher Arbeit übernehmen, stelle sich beispielsweise die Frage neu, wie Arbeit besteuert wird und worauf ein Steuer- und Sozialsystem langfristig aufbaut.

An anderer Stelle sieht er eher eine Weiterentwicklung des Bestehenden. Aus der sozialen Marktwirtschaft könne eine „soziale Markt-Kreislaufwirtschaft“ werden. Marktwirtschaftliche Prinzipien blieben erhalten, müssten aber stärker berücksichtigen, dass Ressourcen endlich sind und Materialien möglichst im Kreislauf geführt werden sollten.

Ob daraus am Ende Revolution oder Evolution wird, möchte Kampker gar nicht abschließend entscheiden. Interessanter ist für ihn, dass die Fragen überhaupt gestellt werden.

Technologien nicht einzeln denken

In seiner längerfristigen Vision verbindet Kampker Felder, die in der politischen und wirtschaftlichen Debatte oft getrennt behandelt werden: künstliche Intelligenz, Robotik, Biotechnologie, Energie und Raumfahrt.

Genau diese Verbindung hält er für eine mögliche europäische Stärke. In einzelnen Zukunftstechnologien den jeweils führenden Ländern hinterherzulaufen, sei schwierig. Deutschland und Europa verfügten aber nach wie vor über eine breite industrielle Basis. Werden verschiedene Technologien miteinander verknüpft, könnten daraus eigene Wettbewerbsvorteile entstehen.

Besonders weit spannt Kampker den Horizont beim Weltraum. Er spricht von Daten, Rohstoffen und Energie als möglichen Ressourcen einer künftigen Weltraumwirtschaft. Was heute weit entfernt klinge, müsse nicht zwangsläufig Science-Fiction bleiben. Seine entscheidende Sorge ist ohnehin eine irdische: Geschwindigkeit.

„Schaffen wir das, aus unserer perfektionierten Langsamkeit aufzuwachen und wieder in Geschwindigkeit zu kommen?“

Prof. Dr.-Ing. Achim Kampker

Für Kampker entscheidet sich daran, ob Europa bei neuen Märkten noch gestaltend mitwirken kann oder irgendwann nur zuschaut.

Afrika als Wirtschafts- und Innovationspartner

Einen weiteren Schwerpunkt legt Kampker auf das Verhältnis zwischen Europa und Afrika. Er spricht von einer „EURAFRIKA-Innovationsstrategie“ und plädiert dafür, afrikanische Staaten nicht primär durch die Brille klassischer Entwicklungspolitik zu betrachten.

In vielen Ländern sieht er eine wachsende, gut ausgebildete Mittelschicht, pragmatische Innovationen, junge Bevölkerungen und wirtschaftliches Potenzial. Europa müsse sich entscheiden, ob es diese Entwicklung lediglich beobachtet oder langfristige Partnerschaften aufbaut.

Das funktioniert für Kampker nur auf Augenhöhe. Nicht Europa solle Afrika erklären, wie wirtschaftliche Entwicklung auszusehen habe. Gefragt seien Kooperationen, bei denen Erfahrungen, industrielle Strukturen und unterschiedliche Stärken zusammenkommen.

Im Gespräch wird der Ton an dieser Stelle ungewöhnlich deutlich. Europa müsse „von unserem hohen Ross runter“, sagt Kampker. Klare eigene Werte und Positionen seien damit keineswegs ausgeschlossen. Sie entbänden aber nicht davon, anderen zuzuhören und unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen.

Was Gründer selbst in der Hand haben

Viele der großen Fragen des Gesprächs – Verwaltung, Finanzierung, Forschungsförderung oder europäische Industriepolitik – kann ein einzelnes Startup kaum verändern. Was also bleibt jemandem, der gerade selbst gründet?

Kampkers Antwort fällt erstaunlich bodenständig aus.

Er nennt Durchhaltevermögen. Wer von einer Idee überzeugt sei, müsse lernen, Rückschläge auszuhalten und sich nicht bei der ersten Gegenrede davon abbringen zu lassen. Gleichzeitig dürfe Beharrlichkeit nicht mit Beratungsresistenz verwechselt werden.

Genauso wichtig sei das Zuhören. Kampker empfiehlt Gründerinnen und Gründern, sich Sparringspartner zu suchen: Menschen, die eine Idee hinterfragen, Erfahrungen einbringen und helfen, dort nachzujustieren, wo es notwendig ist.

Und schließlich wieder das Team. Der Punkt zieht sich auffällig durch das Gespräch. Technologie, Geld und Rahmenbedingungen spielen eine große Rolle. Kampker landet dennoch immer wieder bei den Menschen, die gemeinsam etwas daraus machen.

„Ein exzellentes Team aufbauen. Und dann kann man extrem viel bewegen.“

Prof. Dr.-Ing. Achim Kampker

Vielleicht steckt darin bereits ein brauchbarer Gegenentwurf zum Zukunftsfrust. Nicht so zu tun, als ließen sich Bürokratie, Finanzierungslücken oder strukturelle Probleme mit ein bisschen Optimismus wegreden. Aber ebenso wenig darauf zu warten, dass erst sämtliche Rahmenbedingungen stimmen.

Kampkers Zukunftsmut ist kein Wohlfühlbegriff. Er meint eher die Bereitschaft, wieder Entscheidungen zu treffen, Risiken einzugehen, zuzuhören – und irgendwann mit dem Machen anzufangen.


Das vollständige Gespräch mit Prof. Dr.-Ing. Achim Kampker gibt es in der neuen Folge von „Founder Talks – der Podcast“. Founder-Talks-Host Holger Hagenlocher spricht mit ihm über Innovation und Unternehmertum, Bürokratie, Finanzierung von technologieorientierten Startups, die Erfahrungen mit StreetScooter sowie über zentrale Gedanken aus seinem Buch „Zukunftsfrust – Zukunftsmut“.


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