Navigationssystem für die Selbstständigkeit

Prof. Veronika Bellone beschäftigt sich seit vier Jahrzehnten mit Franchising. Im Founder Talk erklärt sie, warum ein erprobtes Geschäftsmodell den Weg in die Selbstständigkeit erleichtern kann, weshalb unternehmerische Freiheit trotzdem wichtig bleibt – und woran Gründer ein gutes Franchisesystem erkennen.

Ein Geschäftskonzept, das schon funktioniert. Eine Marke, die nicht bei null beginnt. Erfahrungen, die andere bereits gemacht haben – einschließlich jener Fehler, die man sich dadurch vielleicht ersparen kann. Franchising klingt auf den ersten Blick nach einer recht komfortablen Abkürzung in die Selbstständigkeit.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht.

Professorin Veronika Bellone bringt es im Gespräch bei den Founder Talks mit einem Bild auf den Punkt, das ihr ein Franchisemanager einer großen Pizzakette kürzlich mitgegeben hat: „Franchising ist wie ein Navigationssystem. Kennt jeder von uns. Aber fahren muss man selbst.“

Prof. Veronika Bellone beschäftigt sich seit 1986 professionell mit Franchising. Foto: zur Verfügung gestellt

Bellone weiß, wovon sie spricht. Seit 1986 beschäftigt sie sich professionell mit Franchising, seit 1991 führt sie ihre eigene Franchiseberatung in der Schweiz. Sie lehrt Marketing und Franchising an der Fachhochschule Nordwestschweiz und hat zahlreiche Fach- und Sachbücher veröffentlicht. Im Gespräch mit Holger Hagenlocher geht es deshalb nicht um das übliche Versprechen vom vermeintlich sicheren Gründen, sondern um die Bedingungen, unter denen Franchising tatsächlich funktionieren kann.

Nicht bei null anfangen

Der vielleicht größte Vorteil liegt auf der Hand: Wer Franchisenehmer wird, übernimmt kein bloßes Konzept auf dem Papier. Ein Franchisesystem sollte bereits am Markt erprobt sein. Die Zielgruppen sind bekannt, das Marktpotenzial wurde untersucht, Abläufe wurden getestet. Idealerweise gibt es neben dem ursprünglichen Betrieb mindestens einen weiteren Pilotstandort.

Das erspart neuen Unternehmerinnen und Unternehmern einiges an Grundlagenarbeit. Fragen, die bei einer klassischen Gründung erst beantwortet werden müssen, sind im System bereits durchdacht: Welche finanziellen Mittel braucht es? Wie funktionieren die Prozesse? Wie tritt das Unternehmen am Markt auf?

Gerade für Quereinsteiger kann das interessant sein. Wer bislang weder in der Gastronomie noch im Immobiliengeschäft oder im Handel gearbeitet hat, kann mit einem funktionierenden Konzept in ein neues Berufsfeld wechseln. Schulungen und die Unterstützung durch den Franchisegeber gehören zum Modell. Und Franchising findet längst nicht nur bei Burgerketten oder Backshops statt. Bellone verweist auf Handwerk, Handel und Dienstleistungen, aber auch auf Kultur und Kunst.

Das fertige Konzept hat allerdings seinen Preis. Nicht nur finanziell.

Wie viel eigene Freiheit braucht ein Unternehmer?

Was ein Franchisesystem erfolgreich macht, begrenzt zugleich den Spielraum der einzelnen Partner. Wenn ein Konzept erprobt ist, hat der Franchisegeber bestimmte Abläufe, Standards und Rahmenbedingungen festgelegt. Ein Franchisenehmer kann diese nicht jeden Morgen neu erfinden.

„Ich habe also einen bestimmten Spielraum, innerhalb dessen ich mich bewegen kann.“

Prof. Veronika Bellone

Diese Vorgaben könnten zum Erfolg beitragen, schränkten aber eben auch die unternehmerische Freiheit ein. Das ist kein nebensächlicher Punkt. Wer eine eigene Existenz aufbaut, weil er endlich alles selbst bestimmen möchte, könnte in einem eng geführten System schnell unzufrieden werden. Andere wiederum schätzen gerade diese Struktur.

Bellone sieht deshalb nicht nur das System selbst in der Pflicht. Interessenten sollten sich auch fragen, warum sie überhaupt in die Selbstständigkeit wollen. Geht es um eine bewusste berufliche Weiterentwicklung? Um den Wunsch, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen? Oder erscheint die Selbstständigkeit eher als letzter Ausweg, weil andere berufliche Möglichkeiten fehlen?

Ein Franchisevertrag kann solche Fragen nicht beantworten.

Und auch das beste Handbuch ersetzt keinen unternehmerischen Einsatz. Bellone warnt davor, Franchising mit einer Erfolgsgarantie zu verwechseln. Ein bewährtes Konzept könne Risiken reduzieren. Ein Selbstläufer sei es deshalb noch lange nicht.

Wenn aus einem Unternehmen ein System werden soll

Die andere Seite des Modells gerät bei Gründungsinteressierten leicht aus dem Blick: Franchising ist auch eine Wachstumsstrategie für bestehende Unternehmen.

Wer ein erfolgreiches Geschäftsmodell entwickelt hat, kann versuchen, es zu multiplizieren. Entscheidend ist, dass sich die Erfolgsfaktoren übertragen lassen. Gibt es einen echten Wettbewerbsvorteil? Funktionieren die Abläufe auch an einem zweiten, dritten oder zwanzigsten Standort? Lässt sich das Wissen so beschreiben und vermitteln, dass andere damit arbeiten können?

Ein wesentlicher Reiz besteht für Bellone darin, dass die einzelnen Standorte von selbstständigen Unternehmerinnen und Unternehmern geführt werden. Sie beziehen kein fixes Gehalt, sondern haben ein eigenes wirtschaftliches Interesse daran, ihren Betrieb erfolgreich zu entwickeln.

Bis daraus allerdings ein belastbares Franchisesystem wird, ist einiges an Arbeit nötig. Prozesse müssen durchdacht und dokumentiert, Verträge entwickelt, Beratungsleistungen eingekauft und Partner gefunden werden. Bellone weist ausdrücklich darauf hin, dass dieser Aufbau zunächst Geld kostet. Erst mit einer wachsenden Zahl von Franchisenehmern können sich diese Investitionen über Gebühren amortisieren. Gleichzeitig entsteht im besten Fall eine gemeinsame Marke, an deren Erfolg beide Seiten arbeiten.

Ein Franchisevertrag ist noch kein Geschäftsmodell-Check

Wie aber erkennt jemand, der sich einem System anschließen möchte, ob das Angebot tatsächlich trägt?

Genau mit dieser Frage beschäftigt sich Bellone auch bei ihrem Vortrag „Mit Franchising schneller durchstarten“ am 7. Oktober 2026 in Singen am Hohentwiel.

Franchise-Expertin Prof. Veronika Bellone spricht am 7. Oktober 2026 beim Impulsnachmittag in Singen. Foto: zur Verfügung gestellt

Sie will dort keine Werbeschau für Franchising veranstalten. Ihr Ansatz ist nüchterner: Interessierte sollen lernen, ein System zu prüfen.

Eine der ersten Fragen lautet: Wie gesund ist das Geschäftsmodell wirtschaftlich? Ein Franchisesystem könne langfristig nur funktionieren, wenn die Interessen mehrerer Beteiligter zusammenpassen. Bellone spricht von einer „Win-win-win-Situation“: Kunden müssen einen Nutzen haben, Franchisenehmer mit ihrem Betrieb Geld verdienen können – und auch für den Franchisegeber muss das Modell wirtschaftlich funktionieren.

Hinzu kommen weitere Punkte. Wie will das System wachsen? Arbeitet es vor allem mit einzelnen Standorten oder mit Partnern, die gleich mehrere Betriebe übernehmen? Was unterscheidet die Marke von der Konkurrenz? Worin besteht der tatsächliche USP – und hält dieser Vorsprung auch einige Jahre?

Auch die Gebühren verdienen einen genaueren Blick. Entscheidend ist nicht allein ihre Höhe, sondern was dafür geleistet wird: Welche Grundausbildung gibt es? Welche Weiterbildung? Wie intensiv ist die laufende Betreuung? Was geschieht, wenn ein Standort Probleme bekommt?

Bellone möchte beim Impulsnachmittag außerdem über die Zukunftsfähigkeit von Systemen sprechen. Entwickeln sie ihr Konzept weiter? Werden neue Ideen aufgenommen? Gibt es Gremien oder Beiräte, in denen Franchisenehmer beteiligt sind? Kurz gesagt: Ist das System in Bewegung oder lebt es von einem Erfolgsrezept, das irgendwann einmal funktioniert hat?

Weitere Informationen zum Impulsnachmittag am 7. Oktober 2026 sowie die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es auf der Website der Founder Journey:
Franchising-Impulsnachmittag in Singen – Informationen und Anmeldung

Die entscheidende Prüfung beginnt bei einem selbst

Zwischen Wirtschaftlichkeitsrechnung, Markenprofil und Franchisegebühren steht noch eine Frage, die sich nicht an das Unternehmen richtet, sondern an den potenziellen Franchisenehmer: Passe ich überhaupt in dieses System?

Bellone will beim Impulsnachmittag deshalb auch Hinweise zur Selbstreflexion geben. Denn ein Geschäftsmodell kann wirtschaftlich gesund sein und trotzdem nicht zum Menschen passen, der es übernehmen möchte.

Wer Vorgaben grundsätzlich als Zumutung empfindet, wird sich in einem eng organisierten Franchisesystem vermutlich schwertun. Wer dagegen klare Strukturen, Unterstützung und den Austausch innerhalb eines bestehenden Systems schätzt, findet dort möglicherweise genau die Form der Selbstständigkeit, die zu ihm passt.

Interessant ist der Nachmittag in Singen deshalb nicht nur für Menschen, die über eine Franchisegründung nachdenken. Auch Unternehmerinnen und Unternehmer, die ihr eigenes Geschäftskonzept skalieren wollen, können aus Bellones Kriterien einiges mitnehmen. Wirtschaftlichkeit, Wettbewerbsvorteile, Partnermarketing oder das Profil des idealen Franchisepartners beschäftigen beide Seiten.

Und Fragen sind ausdrücklich erwünscht. Bellone formuliert es im Gespräch recht unmissverständlich: „Man muss mich da nicht schonen.“

Das Navigationssystem liefert also eine Route. Ob sie zum eigenen Ziel passt, sollte man besser prüfen, bevor man losfährt.


Das vollständige Gespräch mit Prof. Veronika Bellone ist in der neuen Folge der „Founder Talks“ zu hören. Moderator Holger Hagenlocher spricht mit ihr über Chancen und Grenzen des Franchisings für Franchisegeber und Franchisenehmer sowie über ihren Vortrag am 7. Oktober 2026 in Singen am Hohentwiel.


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